Energy
By
Ostrom Team
9.4.2026
5
Min.

Du hast einen 100 % Ökostromtarif gewählt. Trotzdem steigt dein Strompreis, wenn Gas in Europa teurer wird. Das wirkt erst einmal widersprüchlich.
Die einfache Antwort lautet: Nicht das günstigste Kraftwerk bestimmt den Strompreis, sondern das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird. Und das ist oft Gas.
💡Kurz gesagt
Ja, du hast einen Ökostromtarif. Dein Anbieter sorgt dafür, dass für jede Kilowattstunde, die du nutzt, die gleiche Menge Strom aus erneuerbaren Quellen ins Netz eingespeist wird. Das wird über Zertifikate nachgewiesen.
Das bedeutet aber nicht, dass dein Strom einen eigenen Weg nimmt. Strom aus Wind, Sonne, Kohle und Gas fließt in dasselbe Netz und wird über dasselbe System geliefert. Dein Tarif bestimmt, wie dein Verbrauch auf dem Papier mit grüner Erzeugung abgeglichen wird. Der Großhandelsmarkt bestimmt, was Strom in einer bestimmten Stunde kostet.
Deshalb können zwei Dinge gleichzeitig wahr sein:
Wenn also in einer bestimmten Stunde noch ein Gaskraftwerk nötig ist, um genug Strom bereitzustellen, dann treibt dieses Gaskraftwerk den Marktpreis nach oben. Genau das landet am Ende oft auch auf deiner Rechnung.Wie Strompreise gebildet werden
Der Markt funktioniert nach einer einfachen Regel: Das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird, setzt den Preis für alle.
Diese Reihenfolge nach Kosten nennt man Merit Order.
Stell dir vor, der Markt braucht für eine Stunde drei Kraftwerke:
Wind und Solar allein reichen in dieser Stunde aber nicht aus. Das Gaskraftwerk wird also trotzdem noch gebraucht.
Ergebnis: Nicht 20 € oder 30 € gelten als Marktpreis, sondern 90 €/MWh. Auch der Windpark bekommt dann 90 €/MWh, weil das letzte noch benötigte Kraftwerk den Preis für alle setzt.

Genauer gesagt beschreibt die Merit Order die kurzfristige Preisbildung am Großhandelsmarkt: Kraftwerke bieten Strom grob zu ihren Grenzkosten an, also vor allem auf Basis von Brennstoff-, CO₂- und variablen Betriebskosten, und im Day-Ahead- oder Intraday-Markt gilt meist ein einheitlicher Marktpreis, bei dem das letzte noch benötigte Kraftwerk den Clearing-Preis für alle setzt.
Gas ist dabei oft preissetzend, weil Gaskraftwerke flexibel sind und ihre Grenzkosten durch Brennstoff- und CO₂-Preise vergleichsweise hoch liegen. Wichtig ist aber auch: Gas setzt den Preis nicht in jeder Stunde, sondern nur dann, wenn es tatsächlich an der Margin gebraucht wird, und der Endkundenpreis hängt zusätzlich nicht nur vom Großhandel, sondern auch von Beschaffung, Netzentgelten, Steuern und Abgaben ab.
Der Merit-Order-Effekt der Erneuerbaren: Wind- und Solarkraftwerke haben Grenzkosten nahe null, da sie keine Brennstoffkosten tragen. Je mehr sie einspeisen, desto weiter verdrängen sie teure Gaskraftwerke in der Einsatzreihenfolge. Diesen Effekt nennt die Energiewirtschaft den Merit-Order-Effekt (MOE) – und er ist der Grund, warum in sonnen- und windreichen Stunden die Preise so stark fallen können.
Das Missing-Money-Problem: Gaskraftwerke, die nur noch selten zum Einsatz kommen, können ihre Fixkosten kaum noch decken. Das schafft ein Investitionsrisiko: Genau die flexible Kapazität, die das Netz als Backup braucht, wird wirtschaftlich unattraktiv.
Ein reales Beispiel – die Energiekrise 2021/22: Als die Erdgaspreise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine explodierten, trieben Gaskraftwerke den Börsenstrompreis in extreme Höhen – obwohl Wind und Solar genauso günstig produzierten wie zuvor. Das Merit-Order-Prinzip machte diese Krise für Millionen von Haushalten direkt spürbar.
Ja. Wenn du einen 100 % Ökostromtarif hast, sorgt dein Anbieter dafür, dass für deinen Verbrauch genauso viel Strom aus erneuerbaren Quellen ins Netz eingespeist wird.Das wird über Zertifikate nachgewiesen.
Was das nicht bedeutet: Der Strom kommt nicht direkt von einem Windrad zu dir nach Hause. So funktioniert das Stromnetz nicht. Stattdessen wird aller Strom gemeinsam ins Netz eingespeist und verteilt, egal ob er aus Wind, Sonne oder anderen Quellen stammt.
Nicht jedes Land spürt diesen Effekt gleich stark.
Strompreise werden erst dann spürbar unabhängiger von Gas, wenn Wind, Solar und andere günstige Quellen die Nachfrage in vielen Stunden ohne zusätzliches Gas decken können.
Anders gesagt: Solange Gas noch regelmäßig gebraucht wird, bestimmt es auch regelmäßig den Preis. Erst wenn das seltener wird, verliert Gas seinen starken Einfluss.
Deutschland bewegt sich in diese Richtung. Aber noch nicht weit genug, um Gas schon dauerhaft aus der Preisbildung zu verdrängen.
Dieselbe Marktregel, die die Preise in manchen Stunden nach oben treibt, drückt sie in anderen deutlich nach unten.
Wenn das Netz voll mit Wind- und Solarstrom ist, fallen die Preise oft stark. Genau hier werden dynamische Tarife interessant.
Mit einem Festtarif zahlt man einen Durchschnittspreis für Planungssicherheit. Mit einem dynamischen Tarif kann man günstigere Stunden gezielt nutzen.
In der Ostrom-App können die Preise für den nächsten Tag im Voraus eingesehen werden. Das hilft, den Verbrauch zu planen und in günstigere Stunden zu verlagern: mittags bei starker Sonneneinstrahlung, in windreichen Stunden oder zu Zeiten, in denen das E-Auto automatisch smart laden kann.
Unsere Integrationen für über 1.400 Geräte im Bereich Home Energy Management und NeoGrid® AI helfen dir, deinen Stromverbrauch im Alltag besser im Griff zu behalten.